Im Tal der LügenCornwall, 1856.
Lorna und Cathy, Nachbarskinder aus ärmlichen Verhältnissen, sind beste
Freundinnen und glauben, dass nichts sie trennen kann. Dann zieht Cathy
als Hausmädchen auf einen herrschaftlichen Besitz und überrascht ihre
Freundin mit der Nachricht, dass sie ihren Dienstherrn,den Witwer Lord
Lanyon, heiraten werde. Cathy überredet Lorna, als ihre
Gesellschafterin zu ihr zu kommen. Vier Tage vor der Hochzeit findet
Lorna Cathy neben der Leiche ihres zukünftigen Schwagers. Nun zeigt
Cathy ihr wahres Gesicht: Nicht sie, sondern Lorna wird als Mörderin
verurteilt und nach Tasmanien deportiert ...
Knaur, Taschenbuch,
560 Seiten
ISBN 978-3-426-63973-3
€ 7,95
An diesem Vormittag hatte Cathy wieder einmal das
Haus verlassen, ohne jemandem Bescheid zu sagen, wohin sie wollte,
allerdings wusste Lorna, dass sich die Freundin gerne am See aufhielt,
darum lenkte sie ihre Schritte in diese Richtung.
„Cathy! Bist du hier?“ Lorna lief den Weg zum Wasser hinunter, auf
dessen Oberfläche sich die Sonnenstrahlen spiegelten. Am Ufer stand
eine kleine Holzhütte, in der ein Ruderboot und diverse Taue und
Gerätschaften aufbewahrt wurden. Lorna sah eine Bewegung an der Tür.
„Cathy, die Schneiderin wartet auf dich. Sie ist schon ganz nervös ...
Cathy?“
Mit wachsbleichem Gesicht und weit aufgerissenen Augen trat Cathy aus
der Tür. Sie zitterte am ganzen Körper.
„Lorna, ach Lorna …“ Sie warf sich in Lornas Arme.
„Was ist geschehen?“
Die Freundin brauchte nicht zu antworten, denn nun sah Lorna Drago
Lanyon direkt unter dem Türstock auf dem Rücken liegen. Seine Augen
waren weit aufgerissen und starr in die Ferne gerichtet. Sein Kopf lag
in einer Blutlache, und seine beigen Hosen waren im Schritt eingenässt.
„Um Gottes willen! Was ist geschehen?“
Lorna beugte sich zu Drago hinunter, aber noch bevor sie nach seinem
Puls tastete, wusste sie, dass der Mann tot war. Jetzt sah sie auch den
blutverschmierten männerfaustgroßen Stein neben seinem Kopf.
„Ach, Lorna, es ist so schrecklich!“, stammelte Cathy. „Er wollte … er
hat … ich wollte aber nicht … ich habe mich gewehrt … da ist er
gefallen. Mit dem Kopf auf den Stein.“ Cathy beugte sich vor und sah
schaudernd auf den Körper. „Ist er tot?“
Lorna nickte mechanisch und erhob sich.
„Du meinst, Drago Lanyon hat dir nachgestellt? Der Bruder deines
Verlobten hat dich bedrängt?“
Cathy nickte hastig.
„Seit er nach Darrenhall gekommen ist, hielt er sich immer in meiner
Nähe auf. Ich konnte ihm kaum aus dem Weg gehen.“
„Warum hast du mir nichts davon erzählt? Oder deinem Verlobten? Lord
Lanyon hätte seinen Bruder sicher in die Schranken gewiesen.“
Verzweifelt sah Cathy Lorna an.
„Ich wollte keine Zwietracht unter den Brüdern säen, so kurz vor dem
schönsten Tag in meinem Leben. Ich dachte, mit Drago selbst fertig zu
werden, außerdem wäre er ja bald wieder nach London gefahren, und wer
weiß, wann wir ihn wiedergesehen hätten?“
„Was ist heute geschehen?“, fragte Lorna die aufgelöste und zitternde
Freundin.
„Seit Tagen hat er mich verfolgt. Ich war am See spazieren und wollte
gerade ins Haus zurück, als er plötzlich vor mir stand. Ich konnte mich
nicht wehren, als er mich ins Bootshaus zerrte. Dort wollte er mich
küssen, und seine Hände waren überall. Mit letzter Kraft stieß ich ihn
von mir. Dabei ist er nach hinten gestürzt, und da lag dann dieser
Stein ….“
Cathy schüttelte sich vor Grauen, auch Lorna bebte das Herz in der
Brust, und ihre Beine zitterten.
„Wir müssen jemanden benachrichtigen …“
„Nein!“, schrie Cathy panisch. „Ich bin schuld am Tod des Bruders des
Mannes, der mit mir in drei Tagen vor den Altar treten möchte. Hamish
hat sich zwar über das Gerede hinweggesetzt, dass ich nur ein einfaches
Dienstmädchen war, er wird aber nie eine Person, die seinen Bruder
getötet hat, zur Frau nehmen können. Dieser Skandal wäre
unbeschreiblich! Ach Lorna, mein ganzes Leben ist zerstört!“ Cathy
schlug beide Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
Lorna erkannte den Ernst der Situation. Der Tod Drago Lanyons war ein
unglücklicher Unfall gewesen, und Cathy hatte aus einer
Notwehrsituation heraus gehandelt, aber in der Tat würde damit die
Heirat zwischen Cathy und Hamish unmöglich. Über einen solchen Vorfall
konnte selbst der gutmütige Hamish Lanyon nicht hinwegsehen und sich
nicht dem Skandal aussetzen, die Frau zu heiraten, die für den Tod
seines Bruders verantwortlich war.
„Was sollen wir denn jetzt tun? Wir können ihn doch nicht einfach so
liegen lassen …“
„Warum nicht?“ Erstaunlich rasch hatte sich Cathy wieder gefasst.
„Keiner weiß, dass ich zum See wollte. Man wird ihn finden und denken,
ein Dieb habe ihn niedergeschlagen. Vielleicht sollten wir seine
Taschen durchwühlen, damit es wie ein Raubüberfall aussieht.“
Für einen Moment glaubte Lorna, einen berechnenden Ausdruck in Cathys
Augen zu sehen, und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Doch dann
erkannte sie die Verzweiflung über den schrecklichen Vorfall in Cathys
Gesicht, und sie hatte Verständnis für die Freundin. Immerhin war vor
ihren Augen gerade ein Mensch gestorben, wenngleich auch ohne ihre
Schuld.
Gleichzeitig hörten sie das Getrappel von Pferdehufen und fuhren herum.
Aus dem Wald kamen vier Reiter, die direkt auf den See zuhielten.
„O Gott, es ist Hamish!“, schrie Cathy. „Wir sitzen in der Falle.“
Hinter ihnen lag der See, und weder Cathy noch Lorna konnten schwimmen,
und aus der anderen Richtung kamen die Männer auf sie zu. Plötzlich
blitzte es in Cathys Augen auf. Es war unmöglich, zu verschwinden, ohne
von den Männern bemerkt zu werden.
„Lorna, es war doch Notwehr und ein Unfall, nicht wahr? Niemand wird
eine Frau anklagen, die ihre Tugend verteidigt hat. Lorna, du musst mir
helfen, sonst ist mein Leben für immer zerstört. Es wird dir nichts
geschehen, du wirst schon sehen.“
Lorna begriff nicht, was die Freundin meinte. Erst als Cathy mit einem
Ruck an ihrem Ärmel zerrte, bis er an der Schulter ausriss, und dann
noch an ihrem Mieder zog, dass zwei Knöpfe davonflogen, ahnte sie, was
Cathy vorhatte.
„Das können wir nicht machen … Es war Notwehr, ganz richtig. Cathy,
niemand wird dich zur Verantwortung ziehen.“
„Meine Hochzeit kann ich in den Wind
schreiben“, zischte Cathy. „Endlich habe ich die Möglichkeit, ein Stück
des Kuchens, der Leben heißt, zu erwischen. Du kannst doch nicht
wollen, dass alles zerstört wird. Lorna, wir sind Freundinnen, jetzt
und für immer – du erinnerst dich?“
Ricarda Martin 
Süffig,
üppig, abenteuerlich
Familien- / Frauensagas gestern und heute