Insel
der verlorenen
Liebe
Die Insel
St.Kilda vor der
schottischen Küste im
Jahre 1860. Die kleine Màiri genießt trotz
aller
Entbehrungen ihr Leben. Nichts scheint sich
auf der abgeschiedenen
Insel zu
verändern – bis
zu jenem Tag, an dem vor der Küste ein Schiff
in Seenot
gerät.
Nur ein Mann kann gerettet
werden: Adrian. Doch er hütet ein Geheimnis,
das das
Leben des Mädchens zu zerstören droht …
Knaur,
Taschenbuch,
608 Seiten
ISBN
978-3-426-50707-0
€ 8,95
ab 4 .Oktober 2010
Prolog
Captain
Barrow,
Kommandant der HMS
Harebell, trat von der
Brücke auf
das Deck und klopfte seine
Pfeife sorgsam an einem
Pfosten aus. Während
er die
Pfeife mit frischem Tabak
füllte, beobachtete er die
Gräfin zunehmend
besorgt.
Es war ein Fehler gewesen,
ihrem Wunsch, sie als
Passagier mitzunehmen,
nachzukommen, denn die HMS Harebell
war auf dieser Fahrt nicht als
Passagierschiff unterwegs. Die
Lady
hatte ihm
für die Überfahrt jedoch
hundert Pfund gegeben, für den
Captain eine
Menge
Geld. Obwohl er seit Jahren
diese gefährliche und
schwierige Strecke
befuhr,
war seine Heuer nicht gerade
üppig. Stürme, Unwetter und
Gegenströmungen
machten jede Fahrt aufs Neue
zu einem Abenteuer, und man
wusste nie, ob
das
Schiff Stunden oder gar Tage
für die Überfahrt benötigte.
Der Captain
hatte
diese Fahrten immer gehasst.
Glücklicherweise war es heute
das letzte
Mal, dass
er die vermaledeite
Inselgruppe im Nordatlantik
ansteuerte, darum wohl
hatte er
auch der eindringlichen Bitte
der alten Dame nachgegeben,
obwohl eine
Mitnahme
von Passagieren auf der
heutigen, letzten Fahrt nicht
vorgesehen war.
Hundert
Pfund – das bedeutete, dass er
endlich das schadhafte Dach
und die
undichten
Fenster an seinem Haus richten
lassen konnte, und seiner Frau
wollte er
einen
weichen und warmen
Wintermantel kaufen. Natürlich
konnte er sich keinen
Pelzmantel, wie die Gräfin
einen trug, leisten, aber
seine Frau sollte
im
kommenden Winter nicht wieder
frieren müssen. Barrows Blick
schweifte
über die
Gestalt der Lady. Sie musste
schon alt sein, sicher an die
siebzig
Jahre, wenn
nicht sogar älter, aber ihre
Haltung war aufrecht und ihr
Rücken
gerade.
Lediglich beim Laufen stützte
sie sich auf einen Stock,
dessen Griff
aus Gold
war, wie der Captain bemerkt
hatte. Nachdem er seine Pfeife
angezündet
und ein
paar Züge inhaliert hatte,
trat er neben die Dame.
„Mylady,
es
wird bald
dunkel, und es
ist kalt.
Möchten Sie
sich nicht
unter Deck
begeben?“
Langsam
wandte
sie sich zu ihm um.
Ihr Blick
begegnete dem seine,
beinahe hypnotisch
hielt sie ihn fest,
als sie
leise, aber
bestimmt sagte: „Sie
brauchen sich keine
Sorgen um mich zu
machen,
Captain. Ich
weiß, was ich tue.“
Dann
drehte
sie sich wieder dem Meer zu
und
schien die Anwesenheit Barrows
vergessen zu haben. Der
Captain seufzte.
Er war
für alle Menschen an Bord,
einschließlich seiner einzigen
Passagierin,
verantwortlich. Nicht
auszudenken, was es für ihn
bedeutete, wenn der
Lady
etwas geschah, zumal sie ohne
Begleitung reiste, was für
eine Dame
ihres Alters
und ihres Standes völlig
unüblich war. Wenigstens
erweckte sie den
Anschein,
gesund und rüstig zu sein, und
der Blick aus ihren grüngrauen
Augen war
der
einer jungen Frau. Früher
musste sie einmal sehr schön
gewesen sein.
Auch wenn
ihr Gesicht von tiefen Falten
durchzogen und ihr Haar
schlohweiß war,
die edlen
und wohlgeformten Gesichtszüge
waren deutlich zu erkennen und
wiesen
auf eine
starke Willenskraft hin.
Dennoch wollte Barrow, dass
sie jetzt das Deck
verließ
und sich in ihre Kabine begab,
denn bei der Fahrt durch die
Nacht
musste er
sich ganz auf das Manövrieren
durch die zahlreichen vor
ihnen liegenden
Untiefen und Riffs
konzentrieren.
„Bei
allem
Respekt, Mylady, aber auf
diesem
Schiff bin ich der Captain,
und ich fordere Sie auf, das
Deck sofort zu
verlassen. In der Dunkelheit
ist das Schiff schwer zu
steuern, und in
dieser
Gegend muss man jederzeit mit
einem plötzlich aufkommenden
Sturm
rechnen.“
Ein
kaum
merkliches Lächeln huschte
über das
Gesicht der alten Dame, und
sie murmelte kaum hörbar: „Das
ist mir
bekannt,
Captain. Sie wissen gar nicht,
wie sehr mir die
Wetterverhältnisse
dieser
Gegend bekannt sind.“ Sie warf
einen letzten Blick auf den
Horizont,
der bei der
hereinbrechenden Dunkelheit
kaum noch zu erkennen war.
„Wann werden wir
unser
Ziel erreichen?“
Captain
Barrow
zuckte mit den Schultern.
„Wenn
das
Wetter über Nacht ruhig bleibt, werden
wir Hirta wohl in den frühen Morgenstunden
anlaufen.“ Er bot ihr seinen
Arm und
fuhr fort: „Darf ich Sie in Ihre Kabine
begleiten? Ich werde dafür
Sorge
tragen, dass man Ihnen Tee und Sandwichs
bringt.“
Sie
legte ihre schmale, behandschuhte
Hand auf
seinen Ärmel.
„Ich
habe
keinen Hunger, Captain, aber ein
heißer
Tee wäre sehr freundlich.“
Während
sie
gemeinsam unter Deck gingen, konnte
Captain Barrow die Frage, die ihm seit dem
Morgen, als sie aus Oban
ausgelaufen
waren, auf der Zunge brannte, nicht mehr
zurückhalten.
„Verzeihen
Sie
meine Neugierde, Mylady, aber was
treibt eine Dame wie Sie auf diese
unwirtliche und gottverlassene
Insel?“
Die
Lady
zuckte zusammen und fuhr den Captain mit
lauter und kraftvoller Stimme an: „St.
Kilda ist nicht von Gott
verlassen! Im
Gegenteil, erst als sich Menschen, die von
nichts eine Ahnung haben,
einmischten, begannen Zerfall und
Untergang einer starken und mutigen
Gemeinschaft. Bitte mäßigen Sie ihre
Aussagen, Captain.“
Barrow
schluckte
eine heftige Erwiderung über
diese Maßregelung hinunter und schwieg. Er
hatte gutes Geld bekommen,
und die
Gründe, warum eine verschrobene alte Frau
nach St. Kilda reiste,
konnten ihm
gleichgültig sein. Er tat hier seine
Arbeit – alles Weitere war nicht
sein
Problem. Es würde so oder so das letzte
Mal sein, dass ein Mensch St.
Kilda
aufsuchte. In zwei, spätestens drei Tagen
war alles vorbei, und er
freute sich
auf seine neue Route, die ihm zugeteilt
worden war. Nach ein paar Tagen
Urlaub,
den er sich redlich verdient hatte, würde
er nur noch die Tagesroute
zwischen
Oban und der Insel Mull befahren und
konnte jeden Abend zu Hause bei
seiner
Frau sein.
Sie
waren
bei seiner Kajüte angekommen, die er
der Lady großzügigerweise für die Nacht
zur Verfügung gestellt hatte.
„Bitte
sehr“,
sagte er und öffnete die Tür.
Die
kleine
Missstimmung war verschwunden, und die
alte Dame schenkte ihm ein freundliches
Lächeln.
„Ich
hoffe,
es macht Ihnen keine allzu großen
Umstände, mir Ihren Schlafplatz zu
überlassen, Captain.“
„Das
ist
schon in Ordnung, Mylady. Ich werde die
Nacht ohnehin auf der Brücke verbringen,
an Schlaf ist bei dieser
Überfahrt
nicht zu denken.“
Sie
dankte
ihm mit einem hoheitsvollen Nicken,
als wäre sie die Königin höchstpersönlich,
dann trat sie in die Kajüte
und
schloss die Tür hinter sich.
„Verrückte
Alte“,
murmelte Barrow, zog an seiner
inzwischen erkalteten Pfeife und kehrte
auf die Brücke zurück. In der
Tasche
seiner Uniformjacke raschelten die
Pfundnoten, und dieses Geräusch
veranlasste
Barrow, nicht weiter über die Gräfin
nachzudenken.
Captain
Barrow
war wenig erstaunt, die Gräfin am
nächsten Morgen bereits vor Sonnenaufgang
erneut an Deck zu sehen.
Wieder stand
sie an der Reling. Sie roch die Insel,
bevor die ersten Felsformationen
durch
den Nebel hindurch sichtbar wurden. Das
Kreischen tausender Seevögel
klang in
ihren Ohren, schöner als ein gutes
Orchester, und noch heute, nach so
unendlich
langer Zeit, konnte sie den Ruf eines
Basstölpels von dem eines
Papageientauchers unterscheiden. Langsam
schälten sich die Konturen
eines Stacs aus dem
Dunst, und die Gräfin
wusste, dass dem Schiff nun der
gefährlichste Teil der Fahrt
bevorstand. Es war
eine ruhige Nacht gewesen, doch jetzt galt
es, den, einer riesigen
Felsnadel
gleich, steil und hoch aus dem Meer
aufragenden Stac
und die gefährlichen Riffs zu umschiffen
und die HMS
Harebell sicher an den Kai der
Village
Bay, dem einzigen Schiffslandeplatz auf
der Insel Hirta, zu
manövrieren. Kaum
war die Gefahrenstelle umschifft, schien
es, als wären sie in eine
andere Welt
eingetaucht. Das Meer war ruhig und glatt
wie ein polierter Spiegel,
und kaum
ein Windhauch erreichte die Village Bay.
Ein Gefühl absoluten Friedens
erfüllte
die alte Dame, und sie seufzte
erleichtert. Ihre Entscheidung, nach St.
Kilda
zu kommen, war richtig gewesen, auch wenn
die Erinnerung sehr
schmerzlich war.
Trotz
der
frühen Morgenstunde – es war sieben
Uhr, als die Leinen des Schiffes vertäut
wurden – hatten sich sämtliche
Inselbewohner am Kai versammelt und
starrten neugierig auf die
Ankömmlinge. Als
die Gräfin von Bord ging, bemühte sie
sich, nicht in die verhärmten und
faltenreichen Gesichter der Frauen zu
blicken, die vor ihrer Zeit
gealtert
waren. Sie beachtete auch nicht die
bärtigen älteren Männer, in deren
Augen
Hoffnungslosigkeit stand, ebensowenig die
erwartungsvollen und beinahe
freudigen Blicke der wenigen jungen
Männer. Nur die Kinder, die sich
Daumen
lutschend und barfüßig an die Hände ihrer
Mütter klammerten, rührten
die alte
Dame. Sie alle mussten nun ihre Heimat
verlassen und in eine ungewisse
Zukunft
aufbrechen – in eine Welt, die sich von
der, die sie kannten, so sehr
unterschied
wie der Mond von der Erde. Obwohl die
Menschen nur auf das Festland
Schottlands
und nicht auf einen anderen Kontinent
gebracht wurden, würde von nun an
ihr
Leben nicht mehr so sein wie bisher.
Manche würden es schaffen, sich
mit der
neuen Situation zu arrangieren, aber die
Alten würden daran zerbrechen.
Sie
selbst war jung, sehr jung gewesen, als
sie die Heimat verlassen
musste.
Dennoch war kein Tag vergangen, an dem sie
sich nicht nach St. Kilda
gesehnt
hatte. Die Blicke der Leute folgten der
Gräfin, als sie aufrecht und
mit festen
Schritten, nur leicht auf ihren Gehstock
gestützt, zielstrebig durch
die
Village Bay ging, und sie hörte die eine
oder andere getuschelte
Bemerkung
hinter sich. Am Rand der einzigen Straße
Hirtas verharrte die Gräfin,
schloss
die Augen und legte den Kopf in den
Nacken. Tief sog sie die Luft ein
und stieß
sie mit einem Keuchen wieder aus. Es war,
als würde sie mit der Seeluft
eine
andere Welt in ihren Körper aufnehmen –
eine Welt, der sie einst
angehört und
die sie niemals vergessen hatte. Die
Gräfin setzte ihren Weg fort.
Einfache,
einstöckige Steinhäuser säumten die
gewundene mit grob behauenen und
unebenen
Steinen gepflasterte Straße, die diese
Bezeichnung kaum verdiente.
Jedes der
elf Häuser glich dem nächsten wie ein Ei
dem anderen, und an jedem war
der
Verfall deutlich zu erkennen. Hier klaffte
ein Loch im Dach, dort waren
Fensterscheiben gesprungen und notdürftig
mit Pappe oder gar nur mit
Lumpen
zugestopft, und aus den an die Häuser
angebauten kleinen Ställen
drangen keine
Geräusche des Viehs.
In der Luft lag der Geruch nach Torffeuer. Aus allen Kaminen stieg Rauch in den Himmel, der an diesem Schicksalstag so dicht über der Insel hing, als wolle Gott selbst schützend seine Hand über dieses letzte Paradies auf Erden halten . Doch es war zu spät. In wenigen Stunden bereits würde Hirta nur noch eine Ansammlung von Steinmauern ohne jegliches menschliche Leben sein. Die Insel würde wieder den Seevögeln gehören, die hier seit Tausenden von Jahren nisteten. Zielstrebig ging die Gräfin auf das fünfte Haus auf der linken Seite zu und trat, ohne zu zögern, ein. Die Tür war unverschlossen, denn Schlösser und Schlüssel kannte man auf Hirta nicht. Es hatte hier nie etwas gegeben, was zu stehlen sich lohnte, und alles, was die Menschen besaßen, gehörte allen, gleichgültig, wer es erworben, gefangen oder hergestellt hatte. Langsam sah sich die Lady in dem niedrigen Raum um. Im Kamin brannte – wie in den anderen zehn Häusern – ein letztes Torffeuer. Waren diese erloschen, würde auch das Leben auf St. Kilda für immer erloschen sein. Über dem Kaminsims hing eine verblichene, an den Ecken eingerissene Reproduktion eines Gemäldes der Königin Victoria, und die Lippen der Lady kräuselten sich zu einem Lächeln. Wie oft hatte sie als Kind dieses Bild angesehen und sich nicht vorstellen können, wie ein Mensch solch steife Kleidung tragen und sich darin wohl fühlen konnte. Man hatte ihr erklärt, wer Königin Victoria war und welche Bedeutung sie für das Land hatte, aber es hatte sie damals nicht interessiert. Vorsichtig, als würde das Bild bei ihrer Berührung verschwinden, strich sie über das brüchige Papier. Auf der Spindel des Spinnrads in der Ecke steckte noch ein Knäuel Wolle, ganz so, als hätte die Spinnerin nur kurz das Haus verlassen und käme jeden Moment wieder, um die Arbeit fortzusetzen. Auf dem Tisch lag eine Bibel – aufgeschlagen bei dem Kapitel Exodus des Alten Testaments. Exodus – Tod – wie ungemein passend. Die Gräfin schaute in die Flammen. Wenn das Feuer erloschen und die Kamine kalt sind, wird zum ersten Mal seit über tausend Jahren auf Hirta kein Feuer mehr brennen, dachte sie wehmütig. Und es wird niemals wieder entzündet werden.
Sie hatte
nicht bemerkt, dass ihr seit der Village
Bay ein
alter Mann gefolgt war. Er war an der Tür
stehen geblieben und hatte
sie
beobachtet, jetzt trat er in den niedrigen
Raum. Als sie ihn bemerkte
und stumm
in sein Gesicht schaute, trat er vor sie
und legte seine Hände auf ihre
Schultern.
„Ich wusste,
eines Tages kommst du wieder nach Hause“,
sagte
er leise, als wären nicht Jahrzehnte seit
ihrer letzten Begegnung
vergangen.
Beim Blick in seine Augen schien es der
Gräfin, als wären sie wieder
die
Kinder, die einst dachten, ihr Leben würde
auch so verlaufen wie das
Leben der
Menschen seit Hunderten von Jahren auf St.
Kilda – von harter Arbeit
geprägt,
aber geradlinig und ohne besondere
Vorkommnisse. Damals ahnten sie
nicht, was
das Schicksal für sie bestimmt hatte …
Ricarda
Martin
Süffig,
üppig, abenteuerlich
Familien- / Frauensagas gestern und heute