Insel der verlorenen Liebe
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Hardcoverausgabe
im Welbild-Verlag



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Klappentext

Die Insel St.Kilda vor der schottischen Küste im
Jahre 1860. Die kleine Màiri genießt trotz  
aller Entbehrungen ihr Leben. Nichts scheint sich
auf der abgeschiedenen Insel zu verändern – bis
zu jenem Tag, an dem vor der Küste ein Schiff
in Seenot gerät. Nur ein Mann kann gerettet
werden: Adrian. Doch er hütet ein Geheimnis,
das das Leben des Mädchens zu zerstören droht …

Knaur, Taschenbuch, 608 Seiten
ISBN 978-3-426-50707-0                   € 8,95
ab 4 .Oktober 2010


Prolog

 Auf dem Nordatlantik, 27. August 1930

Seit Stunden schon stand die Gräfin regungslos an der Reling und starrte auf das graue, aufgewühlte Meer. Weder die Kälte noch der starke Wind, der immer wieder Gischt über das Deck des Motorseglers spritzte, störte die alte Dame. Es schien, als würde sie die Naturgewalten des rauhen Atlantiks nicht wahrnehmen. Ihr Blick fixierte einen imaginären Punkt irgendwo am Horizont, und in ihrem Gesicht zeigte sich der Ausdruck gespannter Erwartung.

Captain Barrow, Kommandant der HMS Harebell, trat von der Brücke auf das Deck und klopfte seine Pfeife sorgsam an einem Pfosten aus. Während er die Pfeife mit frischem Tabak füllte, beobachtete er die Gräfin zunehmend besorgt. Es war ein Fehler gewesen, ihrem Wunsch, sie als Passagier mitzunehmen, nachzukommen, denn die HMS Harebell war auf dieser Fahrt nicht als Passagierschiff unterwegs. Die Lady hatte ihm für die Überfahrt jedoch hundert Pfund gegeben, für den Captain eine Menge Geld. Obwohl er seit Jahren diese gefährliche und schwierige Strecke befuhr, war seine Heuer nicht gerade üppig. Stürme, Unwetter und Gegenströmungen machten jede Fahrt aufs Neue zu einem Abenteuer, und man wusste nie, ob das Schiff Stunden oder gar Tage für die Überfahrt benötigte. Der Captain hatte diese Fahrten immer gehasst. Glücklicherweise war es heute das letzte Mal, dass er die vermaledeite Inselgruppe im Nordatlantik ansteuerte, darum wohl hatte er auch der eindringlichen Bitte der alten Dame nachgegeben, obwohl eine Mitnahme von Passagieren auf der heutigen, letzten Fahrt nicht vorgesehen war. Hundert Pfund – das bedeutete, dass er endlich das schadhafte Dach und die undichten Fenster an seinem Haus richten lassen konnte, und seiner Frau wollte er einen weichen und warmen Wintermantel kaufen. Natürlich konnte er sich keinen Pelzmantel, wie die Gräfin einen trug, leisten, aber seine Frau sollte im kommenden Winter nicht wieder frieren müssen. Barrows Blick schweifte über die Gestalt der Lady. Sie musste schon alt sein, sicher an die siebzig Jahre, wenn nicht sogar älter, aber ihre Haltung war aufrecht und ihr Rücken gerade. Lediglich beim Laufen stützte sie sich auf einen Stock, dessen Griff aus Gold war, wie der Captain bemerkt hatte. Nachdem er seine Pfeife angezündet und ein paar Züge inhaliert hatte, trat er neben die Dame.

„Mylady, es wird bald dunkel, und es ist kalt. Möchten Sie sich nicht unter Deck begeben?“

Langsam wandte sie sich zu ihm um. Ihr Blick begegnete dem seine, beinahe hypnotisch hielt sie ihn fest, als sie leise, aber bestimmt sagte: „Sie brauchen sich keine Sorgen um mich zu machen, Captain. Ich weiß, was ich tue.“

Dann drehte sie sich wieder dem Meer zu und schien die Anwesenheit Barrows vergessen zu haben. Der Captain seufzte. Er war für alle Menschen an Bord, einschließlich seiner einzigen Passagierin, verantwortlich. Nicht auszudenken, was es für ihn bedeutete, wenn der Lady etwas geschah, zumal sie ohne Begleitung reiste, was für eine Dame ihres Alters und ihres Standes völlig unüblich war. Wenigstens erweckte sie den Anschein, gesund und rüstig zu sein, und der Blick aus ihren grüngrauen Augen war der einer jungen Frau. Früher musste sie einmal sehr schön gewesen sein. Auch wenn ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen und ihr Haar schlohweiß war, die edlen und wohlgeformten Gesichtszüge waren deutlich zu erkennen und wiesen auf eine starke Willenskraft hin. Dennoch wollte Barrow, dass sie jetzt das Deck verließ und sich in ihre Kabine begab, denn bei der Fahrt durch die Nacht musste er sich ganz auf das Manövrieren durch die zahlreichen vor ihnen liegenden Untiefen und Riffs konzentrieren.

„Bei allem Respekt, Mylady, aber auf diesem Schiff bin ich der Captain, und ich fordere Sie auf, das Deck sofort zu verlassen. In der Dunkelheit ist das Schiff schwer zu steuern, und in dieser Gegend muss man jederzeit mit einem plötzlich aufkommenden Sturm rechnen.“

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über das Gesicht der alten Dame, und sie murmelte kaum hörbar: „Das ist mir bekannt, Captain. Sie wissen gar nicht, wie sehr mir die Wetterverhältnisse dieser Gegend bekannt sind.“ Sie warf einen letzten Blick auf den Horizont, der bei der hereinbrechenden Dunkelheit kaum noch zu erkennen war. „Wann werden wir unser Ziel erreichen?“

Captain Barrow zuckte mit den Schultern.

„Wenn das Wetter über Nacht ruhig bleibt, werden wir Hirta wohl in den frühen Morgenstunden anlaufen.“ Er bot ihr seinen Arm und fuhr fort: „Darf ich Sie in Ihre Kabine begleiten? Ich werde dafür Sorge tragen, dass man Ihnen Tee und Sandwichs bringt.“

Sie legte ihre schmale, behandschuhte Hand auf seinen Ärmel.

„Ich habe keinen Hunger, Captain, aber ein heißer Tee wäre sehr freundlich.“

Während sie gemeinsam unter Deck gingen, konnte Captain Barrow die Frage, die ihm seit dem Morgen, als sie aus Oban ausgelaufen waren, auf der Zunge brannte, nicht mehr zurückhalten.

„Verzeihen Sie meine Neugierde, Mylady, aber was treibt eine Dame wie Sie auf diese unwirtliche und gottverlassene Insel?“

Die Lady zuckte zusammen und fuhr den Captain mit lauter und kraftvoller Stimme an: „St. Kilda ist nicht von Gott verlassen! Im Gegenteil, erst als sich Menschen, die von nichts eine Ahnung haben, einmischten, begannen Zerfall und Untergang einer starken und mutigen Gemeinschaft. Bitte mäßigen Sie ihre Aussagen, Captain.“

Barrow schluckte eine heftige Erwiderung über diese Maßregelung hinunter und schwieg. Er hatte gutes Geld bekommen, und die Gründe, warum eine verschrobene alte Frau nach St. Kilda reiste, konnten ihm gleichgültig sein. Er tat hier seine Arbeit – alles Weitere war nicht sein Problem. Es würde so oder so das letzte Mal sein, dass ein Mensch St. Kilda aufsuchte. In zwei, spätestens drei Tagen war alles vorbei, und er freute sich auf seine neue Route, die ihm zugeteilt worden war. Nach ein paar Tagen Urlaub, den er sich redlich verdient hatte, würde er nur noch die Tagesroute zwischen Oban und der Insel Mull befahren und konnte jeden Abend zu Hause bei seiner Frau sein.

Sie waren bei seiner Kajüte angekommen, die er der Lady großzügigerweise für die Nacht zur Verfügung gestellt hatte.

„Bitte sehr“, sagte er und öffnete die Tür.

Die kleine Missstimmung war verschwunden, und die alte Dame schenkte ihm ein freundliches Lächeln.

„Ich hoffe, es macht Ihnen keine allzu großen Umstände, mir Ihren Schlafplatz zu überlassen, Captain.“

„Das ist schon in Ordnung, Mylady. Ich werde die Nacht ohnehin auf der Brücke verbringen, an Schlaf ist bei dieser Überfahrt nicht zu denken.“

Sie dankte ihm mit einem hoheitsvollen Nicken, als wäre sie die Königin höchstpersönlich, dann trat sie in die Kajüte und schloss die Tür hinter sich.

„Verrückte Alte“, murmelte Barrow, zog an seiner inzwischen erkalteten Pfeife und kehrte auf die Brücke zurück. In der Tasche seiner Uniformjacke raschelten die Pfundnoten, und dieses Geräusch veranlasste Barrow, nicht weiter über die Gräfin nachzudenken.

 

Captain Barrow war wenig erstaunt, die Gräfin am nächsten Morgen bereits vor Sonnenaufgang erneut an Deck zu sehen. Wieder stand sie an der Reling. Sie roch die Insel, bevor die ersten Felsformationen durch den Nebel hindurch sichtbar wurden. Das Kreischen tausender Seevögel klang in ihren Ohren, schöner als ein gutes Orchester, und noch heute, nach so unendlich langer Zeit, konnte sie den Ruf eines Basstölpels von dem eines Papageientauchers unterscheiden. Langsam schälten sich die Konturen eines Stacs aus dem Dunst, und die Gräfin wusste, dass dem Schiff nun der gefährlichste Teil der Fahrt bevorstand. Es war eine ruhige Nacht gewesen, doch jetzt galt es, den, einer riesigen Felsnadel gleich, steil und hoch aus dem Meer aufragenden Stac und die gefährlichen Riffs zu umschiffen und die HMS Harebell sicher an den Kai der Village Bay, dem einzigen Schiffslandeplatz auf der Insel Hirta, zu manövrieren. Kaum war die Gefahrenstelle umschifft, schien es, als wären sie in eine andere Welt eingetaucht. Das Meer war ruhig und glatt wie ein polierter Spiegel, und kaum ein Windhauch erreichte die Village Bay. Ein Gefühl absoluten Friedens erfüllte die alte Dame, und sie seufzte erleichtert. Ihre Entscheidung, nach St. Kilda zu kommen, war richtig gewesen, auch wenn die Erinnerung sehr schmerzlich war.

Trotz der frühen Morgenstunde – es war sieben Uhr, als die Leinen des Schiffes vertäut wurden – hatten sich sämtliche Inselbewohner am Kai versammelt und starrten neugierig auf die Ankömmlinge. Als die Gräfin von Bord ging, bemühte sie sich, nicht in die verhärmten und faltenreichen Gesichter der Frauen zu blicken, die vor ihrer Zeit gealtert waren. Sie beachtete auch nicht die bärtigen älteren Männer, in deren Augen Hoffnungslosigkeit stand, ebensowenig die erwartungsvollen und beinahe freudigen Blicke der wenigen jungen Männer. Nur die Kinder, die sich Daumen lutschend und barfüßig an die Hände ihrer Mütter klammerten, rührten die alte Dame. Sie alle mussten nun ihre Heimat verlassen und in eine ungewisse Zukunft aufbrechen – in eine Welt, die sich von der, die sie kannten, so sehr unterschied wie der Mond von der Erde. Obwohl die Menschen nur auf das Festland Schottlands und nicht auf einen anderen Kontinent gebracht wurden, würde von nun an ihr Leben nicht mehr so sein wie bisher. Manche würden es schaffen, sich mit der neuen Situation zu arrangieren, aber die Alten würden daran zerbrechen. Sie selbst war jung, sehr jung gewesen, als sie die Heimat verlassen musste. Dennoch war kein Tag vergangen, an dem sie sich nicht nach St. Kilda gesehnt hatte. Die Blicke der Leute folgten der Gräfin, als sie aufrecht und mit festen Schritten, nur leicht auf ihren Gehstock gestützt, zielstrebig durch die Village Bay ging, und sie hörte die eine oder andere getuschelte Bemerkung hinter sich. Am Rand der einzigen Straße Hirtas verharrte die Gräfin, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Tief sog sie die Luft ein und stieß sie mit einem Keuchen wieder aus. Es war, als würde sie mit der Seeluft eine andere Welt in ihren Körper aufnehmen – eine Welt, der sie einst angehört und die sie niemals vergessen hatte. Die Gräfin setzte ihren Weg fort. Einfache, einstöckige Steinhäuser säumten die gewundene mit grob behauenen und unebenen Steinen gepflasterte Straße, die diese Bezeichnung kaum verdiente. Jedes der elf Häuser glich dem nächsten wie ein Ei dem anderen, und an jedem war der Verfall deutlich zu erkennen. Hier klaffte ein Loch im Dach, dort waren Fensterscheiben gesprungen und notdürftig mit Pappe oder gar nur mit Lumpen zugestopft, und aus den an die Häuser angebauten kleinen Ställen drangen keine Geräusche des Viehs.

In der Luft lag der Geruch nach Torffeuer. Aus allen Kaminen stieg Rauch in den Himmel, der an diesem Schicksalstag so dicht über der Insel hing, als wolle Gott selbst schützend seine Hand über dieses letzte Paradies auf Erden halten . Doch es war zu spät. In wenigen Stunden bereits würde Hirta nur noch eine Ansammlung von Steinmauern ohne jegliches menschliche Leben sein. Die Insel würde wieder den Seevögeln gehören, die hier seit Tausenden von Jahren nisteten. Zielstrebig ging die Gräfin auf das fünfte Haus auf der linken Seite zu und trat, ohne zu zögern, ein. Die Tür war unverschlossen, denn Schlösser und Schlüssel kannte man auf Hirta nicht. Es hatte hier nie etwas gegeben, was zu stehlen sich lohnte, und alles, was die Menschen besaßen, gehörte allen, gleichgültig, wer es erworben, gefangen oder hergestellt hatte. Langsam sah sich die Lady in dem niedrigen Raum um. Im Kamin brannte – wie in den anderen zehn Häusern – ein letztes Torffeuer. Waren diese erloschen, würde auch das Leben auf St. Kilda für immer erloschen sein. Über dem Kaminsims hing eine verblichene, an den Ecken eingerissene Reproduktion eines Gemäldes der Königin Victoria, und die Lippen der Lady kräuselten sich zu einem Lächeln. Wie oft hatte sie als Kind dieses Bild angesehen und sich nicht vorstellen können, wie ein Mensch solch steife Kleidung tragen und sich darin wohl fühlen konnte. Man hatte ihr erklärt, wer Königin Victoria war und welche Bedeutung sie für das Land hatte, aber es hatte sie damals nicht interessiert. Vorsichtig, als würde das Bild bei ihrer Berührung verschwinden, strich sie über das brüchige Papier. Auf der Spindel des Spinnrads in der Ecke steckte noch ein Knäuel Wolle, ganz so, als hätte die Spinnerin nur kurz das Haus verlassen und käme jeden Moment wieder, um die Arbeit fortzusetzen. Auf dem Tisch lag eine Bibel – aufgeschlagen bei dem Kapitel Exodus des Alten Testaments. Exodus – Tod – wie ungemein passend. Die Gräfin schaute in die Flammen. Wenn das Feuer erloschen und die Kamine kalt sind, wird zum ersten Mal seit über tausend Jahren auf Hirta kein Feuer mehr brennen, dachte sie wehmütig. Und es wird niemals wieder entzündet werden. 

Sie hatte nicht bemerkt, dass ihr seit der Village Bay ein alter Mann gefolgt war. Er war an der Tür stehen geblieben und hatte sie beobachtet, jetzt trat er in den niedrigen Raum. Als sie ihn bemerkte und stumm in sein Gesicht schaute, trat er vor sie und legte seine Hände auf ihre Schultern.

„Ich wusste, eines Tages kommst du wieder nach Hause“, sagte er leise, als wären nicht Jahrzehnte seit ihrer letzten Begegnung vergangen. Beim Blick in seine Augen schien es der Gräfin, als wären sie wieder die Kinder, die einst dachten, ihr Leben würde auch so verlaufen wie das Leben der Menschen seit Hunderten von Jahren auf St. Kilda – von harter Arbeit geprägt, aber geradlinig und ohne besondere Vorkommnisse. Damals ahnten sie nicht, was das Schicksal für sie bestimmt hatte …


Ricarda Martin

Süffig, üppig, abenteuerlich

Familien- / Frauensagas gestern und heute